Konzertreisen ins europäische Ausland hat das OGM seit seiner Gründung immer wieder unternommen: Polen, Ungarn, Großbritannien, Italien, Österreich, Frankreich und Russland waren bisher die Ziele.

Es ist eine nicht leicht zu bewältigende Aufgabe, ein volles Sinfonieorchester mit 60 Mitreisenden in einem Bus zu verstauen. Schon Wochen vorher wird der Bus vermessen, es wird überlegt, wo die drei Kontrabässe, die fünf Celli, das Kontrafagott - und ach - vor allem die drei Kesselpauken ihren Platz finden. Zum Glück werden Harfe, Tuba und manchmal auch Kontrabässe am Konzertort engagiert. „Nehmt nicht so große Koffer mit“, war die Devise, die der Vorstand vorher ausgab, bis zu dem Zeitpunkt, als wir ein Busunternehmen fanden, das auch einen Anhänger mitnahm. Wegen der Geschwindigkeitsbegrenzung eines solchen Gespanns war die Fahrtzeit zwar etwas länger, aber den nicht benötigten Stauraum konnten wir dann auf der Rückfahrt mit reichlich Weinkisten auffüllen, damals in Frankreich, in Angers im Loire-Tal.

Einmal jedoch, 1993 nach Italien, fuhren wir gemütlich mit dem Nachtzug. Die großen Instrumente wurden dabei in einem angemieteten Laster über die Alpen transportiert.

1987 Stettin – Thorn – Posen

19xx Erfurt

1989 Krakau – Warschau – Posen

1990 Wittenberg

1991 Budapest

1993 Florenz

1996 Cheltenham – Gloucester – Oxford

1998 Selby Abby – Oxford – Reading

2001 Cheltenham – Oxford – Wincester

2003 Mailand – Lecco

2005 Angers

2008 Wien

2011 Paris

2013 Cahors – Montauban

2015 Sankt Petersburg

Die erste gemeinsame Reise führt uns im Herbst 1987 nach Polen.

1987 Polen1 kleinSzczecin, Torun, die Partnerstadt Göttingens, und Poznan sind die Ziele. Christian Hammer, unser Dirigent, hat ein Mozartprogramm ausgesucht: die Ouvertüre zu Lucio Silla, das Klavierkonzert G-Dur KV 453 und (im Wechsel) das Flötenkonzert D-Dur, im zweiten Teil des Konzertes die Prager Sinfonie. Die Solisten kommen aus den eigenen Reihen, Christian Hammer spielt selbst Klavier, Bettina Lange-Malecki spielt im Flötenkonzert den Solopart. Da ihm Klavierstühle oft zu groß und zu hoch sind, hat Christian Hammer sein kleines blaues Stühlchen mit dabei. Es sieht aus, wie ein Kinderstuhl. Wenn er daran am Flügel sitzt, hat er eine Haltung, die derjenigen von Glenn Gould ähnelt. Und – wie Fotos belegen – eignet sich der Kinderstuhl auch als Tritt, wenn man mal die Übersicht haben will. Im Toruner Rathaus gibt es einen Empfang (mit Rotwein und den obligatorischen, leckeren Kathrinchen). In Poznan dann sind wir zu Gast in einer staatlichen Musikschule, in der man sich wundert, dass im Westen die Musikausbildung privat organisiert ist und zu solch hervorragenden Ergebnissen führen kann – und das alles freiwillig. Ein anderer Bewunderer unseres Orchesters ist auch unser Busfahrer, Herr Neddermeyer. Er hat extra einen schwarzen Anzug mitgenommen und verpasst keine Probe und kein Konzert. Er wird uns noch öfter auf unseren Reisen den Bus fahren.

19xx machen wir eine Wochenendfahrt nach Erfurt,

die durch private Kontakte zustande kommt. Ein kleiner Chor aus Erfurt lädt das Orchester ein, in der Kirche des Augustinerklosters zu spielen. Wir wohnen privat. Mit einigen PKW’s sind wir unabhängig voneinander unterwegs und stellen uns an der innerdeutschen Grenze den Kontrollen. Christine erinnert sich noch, wie ein Grenzer die Geschäftsfrau Rike fragt: „Na, was für ein Geschäft haben Sie denn?“ – Hoffentlich sagt sie jetzt nichts vom Drachenladen! Gab es doch vor einigen Monaten einen Fluchtversuch mit Drachen. – „Kinderspielzeug.“ – Ach, der Verdacht der Unterstützung eines Fluchtversuchs war abgewehrt. Irgendetwas kommt den Grenzbeamten aber doch merkwürdig vor, zumindest die Instrumentenkästen sind ja auffällig. „Sie wissen, doch, dass Sie in der DDR nicht auftreten dürfen?“. Ja, das wissen wir, deshalb ist der Auftritt in Erfurt auch nirgends plakatiert, sondern - als Gottesdienst getarnt - wird die Information in der Gemeinde von Mund-zu-Mund weitergegeben. Nur am Kirchenportal hängt am Sonntag ein handgeschriebener Hinweis, auf braunem Packpapier geschrieben, Plakat mag man es gar nicht nennen. Wir spielen mit Bettina Lange-Malecki die h-moll Suite von Johann Sebastian Bach. Ein Gegenbesuch des Chores wird erst nach der Grenzöffnung möglich, der Chor singt in der St. Johanniskirche Rosdorf und wird anschließend vom OGM mit einem großen Büfett gefeiert. Manche der Kontakte zwischen Mitgliedern des Chores und des Orchesters waren noch Jahre nach dem Besuch in Erfurt lebendig.

Im Herbst 1989 sind wir wiederum in Polen,

1989 Polen1 klein

dieses Mal aber sind wir im südlichen Teil des Landes unterwegs. Konzerte gibt es in Wroclaw (in der Filharmonia), in Kraków (in den berühmten Tuchhallen in der Mitte des Hauptmarktes), in Warzawa (in der großen protestantischen Kirche) und in Poznan (in der Aula des Musiklyzeums). Saskia Daems-Stolzenberg, eine Cellistin aus Göttingen, ist die Solistin im Cellokonzert a-moll von Robert Schumann. Christian Hammer, der uns wieder als Dirigent begleitet, hat außerdem Schumanns Genoveva Ouvertüre und die Sinfonie Nr. 4 mit uns einstudiert. Geprägt wird diese Reise auch von einem Besuch des Lagers Ausschwitz, das für viele Mitreisende einen bedrückenden Eindruck hinterlässt. In Kraków geht es dann gelassener zu: man trifft man sich in den freien Zeiten im Jugendstilcafe oder in den Notengeschäften. Der Zloty mit seinem günstigen Wechselkurs macht viele Einkäufe möglich. Am 4.11. 1989, auf der Rückreise, fahren wir auf der Autobahn durch die DDR an Berlin vorbei, wenige Tage vor der Öffnung der Mauer und der Grenze. Wir hören im Radio, dass 6000 DDR-Bürger die deutsche Botschaft in Prag verlassen haben und in den Westen ausreisen dürfen. Wir dagegen haben mal wieder die Grenzkontrollen zu erdulden: „Alles bitte aussteigen!“ Untersuchung des ganzen Busses nach möglichen Verstecken. Und dann: einer der Grenzbeamten fordert eine Cellistin auf: „Nu, öffnen‘se doch mal den Kasten da!“ --- Wie gut, es ist nur ein Cello drin - und kein flüchtiger DDR-Bürger!

Sommer 1990 ist das Orchester in Wittenberg, einer weiteren Partnerstadt Göttingens.

Persönliche Beziehungen, die durch die neuen Reisemöglichkeiten von DDR-Bürgern in Göttingen geknüpft waren, führen zu einer Einladung nach Wittenberg. Christian Hammer hat als Programm ein Händel Concerto grosso, das Klavierkonzert Nr. 3 von Beethoven (er dirigiert vom Flügel aus) und die Posthornserenade von Mozart ausgesucht. Das Posthorn spielt Helmut Bornschier. Gerade an diesem Wochenende, am 1. Juli 1990, wird die Mark der DDR von der Deutschen Mark als gesetzliches Zahlungsmittel in der DDR abgelöst. Die Schaufenster werden über Nacht neu dekoriert und sind auf einmal bunt und voller neuer Waren. Ein besonderes Erlebnis: wir hören in der Schlosskirche Friedrich Schorlemmer, Bürgerrechtler in den Zeiten der DDR, und auch nach der Wende kritischer Begleiter der gesellschaftlichen Entwicklungen. Im Begleitprogramm führen unsere Kontaktpartner uns durch die heruntergekommenen, zum Teil verfallenen Cranachhöfe, wo sie uns ihre Pläne zur Renovierung vorstellen, Und sie zeigen uns die völlig verwilderten, überwucherten Gartenanlagen in Wörlitz, die aber auch in dieser Gestalt genau so beeindruckend sind wie heute in ihrem gepflegtem, akkurat beschnittenem Zustand.

Im Herbst 1991 führt uns eine Konzertreise nach Ungarn, vor allem nach Budapest.

1991 Ungarn1 kleinIm Frühjahr ist das Akademische Orchester der Universität Budapest zu Gast beim OGM in Göttingen. Leitung: Gábor Baross, Solistin: Ágnes Szakály am Zymbal (Hackbrett). Wir organisieren ein Konzert im Alten Rathaus und im Wohnstift, sowie ein Konzert in Goslar. Es dauert nicht lange, bis wir eine Gegeneinladung nach Budapest bekommen und sofort annehmen. Unser Konzert in Budapest findet in der großen protestantischen Kirche statt. Außerdem geben wir auf der Hinfahrt noch ein Konzert im Kaisersaal in Kremsmünster (Österreich) und auf der Rückfahrt in Györ, ganz im Norden Ungarns. Andreas Kowalewitz, der uns in Vertretung für den verhinderten Christian Hammer begleitet, dirigiert Beethovens Kontretänze Nr. 1-6, das Klavierkonzert Nr. 1 und die Sinfonie Nr. 2, außerdem in einem anderen Programm Haydns Cellokonzert D-Dur. Als Solisten wirkten Michael Uhde (Klavier), Professor in Karlsruhe und seine Frau Sanja Uhde-Mitrovic (Violoncello) mit. Sie begleiten uns zeitweise mit ihren damals 10jährigen Zwillingen im Bus. Mit Katharina Uhde haben wir Jahre später mehrere Konzerte bestritten. Eine eindrückliche Erinnerung ist das Treffen in der Cymbal-Fakultät des Béla Bartók Konservatoriums: wir spielen Vivaldi, J.Chr. Bach, S. Erding-Swiridoff und bekommen durch Ágnes Szakály eine ausführliche Vorführung des Zymbals, das z.B. in der Háry János Suite von Zoltán Kodály eine so markante Rolle spielt. Apropo Erding –Swiridoff: wir haben inzwischen gelernt, dass es vom Deutschen Musikrat Zuschüsse für Auslandsreisen nur dann gibt, wenn man ein modernes Stück im Programm hat. Also erteilen wir hier und da Kompositionsaufträge. Erding-Swiridoff, ll Visconte Dimezzato (Der geteilte Visconte – nach einer Erzählung von Italo Calvino) ist eine Komposition für zwei Orchestergruppen (Dauer: 12 Min.). Sie wird vom OGM am 13.10.91 in Budapest uraufgeführt. Auf der Fahrt sind wir noch der Kirche in dem kleinen Dorf Szécsény zu Gast. Wir spielen am Sonntag nach der Messe das Cellokonzert von Haydn und das Konzert für zwei Flöten von Cimarosa mit Bettina Lange-Malecki und Werner Lamke als Solisten. Die Gläubigen haben eigentlich schon genug in der Kirche gesessen und wollen Hause, aber der Priester lässt das nicht zu: er schließt die Kirchentür ab, so dass keiner gehen kann. So sind alle gezwungen, unsere Darbietungen anzuhören.

Es ist Herbst 1993, als wir nach Norditalien fahren.

1993 Italien1 kleinKatharina Troe, junge Cellistin aus Göttingen, studiert damals an einer Musikschule in Fiesole bei Florenz. Zusammen mit ihrem Institut und ihrem Professor organisieren sie ein Konzert im Dom San Romolo von Fiesole und in der Basilica San Domenico in Siena. Zu Beginn erklingt das Adagio von Reger, Katharina spielt das Cellokonzert von Edward Elgar und wir ergänzen mit Beethovens 6. Sinfonie. Es dirigiert uns Christian Heller, weil unser Chefdirigent verhindert ist. Eigentlich gestattet der Bischof von Fiesole keine weltlichen Konzerte in seinem Dom – da geben wir dem unbenannten Werk von Max Reger schnell einen Titel: „Pater noster“ heißt das Stück in unserem Programm. Und die Pastorale von Beethoven klingt ja auch so ein bisschen nach Kirche – der Bischof ist zufrieden. Wir organisieren von Göttingen aus noch ein Konzert in Montecatini und eines in Pistoia. Montecatini ist dann ein Erlebnis der besonderen Art: wir kommen mit dem Bus und wissen nicht, wo das Konzert stattfinden soll, unsere italienische Reiseleiterin Eleonora weiß es auch nicht, es gibt keine Plakatierung und auch keine Informationen im Ort über ein Konzert. Letztlich ist es dann ein „privatissime“ im Kursaal vor einer kleinen Gruppe von Geschäftsleuten, die – den Borsalino auf den Knieen – unserem Vortrag von Beethovens Pastorale folgen. Wir sind halt in Italien. In Pistoia treten wir dann zusammen mit einem Chor auf: dem Coro città di Pistoia. Wir musizieren im Dom das Requiem von Manfredini. Der dortige Bischof hat da natürlich keine Einwände.

In einigen Filmen ist es ein beliebter Plot: bei einer Fahrtpause in Italien wird jemand vergessen. Der oder die muss sich dann alleine durchs Leben schlagen. Uns wäre das, schon damals, auch beinahe passiert. Nach einer Rast in dem kleinen Ort Monteriggioni zwischen Florenz und Siena – der Bus ist schon abgefahren – bemerkt die Sitznachbarin, dass Tilly Bielert, unsere Orchesterpoetin und -zeichnerin, nicht an Bord ist. Wir kehren um, ein Suchtrupp schwärmt aus und findet Tilly außerhalb der Stadtmauern von Monteriggioni im Gras sitzen und die Toskana malen. Das dauert natürlich.  

England, unsere erste Reise im Frühjahr 1996.

1996 England1 kleinDie Kontakte zur Partnerstadt Cheltenham und Kontakte von Roswitha Classen und ihrem Mann zur Universität Oxford sind hervorragende Hilfen für die Organisation. Wir konzertieren in Warwick, in der Kathedrale von Gloucester, in Cheltenham und im berühmten Sheldonian Theatre in Oxford. Auf dem Programm steht zweimal das Requiem von Mozart, einmal in Cheltenham mit der Charlton Kings Choral Society und einmal mit dem Oxford Bach Choir. Im Programm unserer Sinfoniekonzerte geben wir Bruckners Ouvertüre g-moll, eine Konzertarie von Haydn (Szene der Berenice) und die Sinfonie Nr. 1 des 15jährigen Mendelssohn. Christian Hammer dirigiert uns und seine Frau Gerit singt die Sopranpartien.

 

 

Frühjahr 1998: Englandreise, die zweite.

1998 England1 kleinEs hat sich bewährt, mit Chören zusammenzuarbeiten, die an unserem Reiseziel zu Hause sind. Die Organisation der Konzerte fällt vor Ort leichter und es gibt eine gewisse Sicherheit, dass ein Stammpublikum durch die übliche Werbung des Chores auftaucht. So etwas wie in Szczecin, wo wir in einer großen Konzerthalle mit 60 Musikern vor 30 Zuhörern spielen, passiert dann nicht so leicht. Oder wie in Györ, wo wir vor 8 Zuhörern spielen, den Busfahrer miteingerechnet. Das Sheldonian Theatre in Oxford ist ausverkauft, als wir mit Haydns Schöpfung dort konzertieren. Der erste Konzertort unserer Reise jedoch ist weit im Norden in Yorkshire gelegen, Selby Abbey. Unsere Überfahrt nach England geht deshalb auch von Rotterdam nach Hull am Humber. Wir begleiten den dortigen Choir of Selby. Auf der Rückfahrt in Richtung London konzertieren wir in Reading in der Kirche Greyfriars noch einmal gemeinsam mit dem Bachchor aus Oxford.

Frühjahr 2001: Englandreise, die dritte.

2001 England1 kleinGöttingens Partnerstadt Cheltenham, die Universitätsstadt Oxford und die Kathedralstadt Wincester sind die drei Konzertorte dieser Reise. Und an allen drei Orten geben wir Konzerte mit dort beheimateten Chören: in Oxford natürlich mit dem Bach Choir, mit dem wir nun schon zum dritten Mal im Sheldonian Theatre spielen können und die uns in der Zwischenzeit, im Jahr 1998, auch in Göttingen besucht haben (wie später auch noch einmal 2007). In Winchester in der weltberühmten Kathedrale begleiten wir die Wayneflete Singers. Auch unser Chor in Cheltenham, die Charlton Kings Choral Society, hat uns in Göttingen zu einem gemeinsamen Konzert besucht: 1999 kamen sie zu einer Aufführung der Beethoven Messe C-Dur mit dem OGM in die Jacobikirche. Auf unserer Englandreise jedoch führen wir zusammen die große Mendelssohnkantate auf „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“. Dazu kommen als Orchesterstücke ein Werk von Franz Danzi: die Concertante für Flöte und Klarinette (mit Bettina Lange-Malecki und Marike Hopmann) und von Cesar Franck: Grande piece symphonique, ein ursprünglich für die Orgel geschriebenes Werk, von dem Christian Hammer für das OGM eine Orchesterfassung hergestellt hat. Die “Ballade für Orchester“ vom 20jährigen Alexander Schimpf ist auf dieser Reise unser modernes Stück, der Göttinger Pianist Alexander Schimpf hat es für uns komponiert.

In den beiden anderen Konzerten steht das Brahms Requiem auf dem Programm, in Winchester ergänzt durch das Schicksalslied von Brahms. Es dirigiert uns Christian Hammer, seine Frau Gerit singt die Sopranpartien. Unvergesslich bleibt die Aufführung in der ehrwürdigen Kathedrale in Winchester vor ca. 1000 Besuchern.

Im Herbst 2003 fahren wir wieder nach Italien,

2003 Italien1 kleindieses Mal aber nach Mailand und nun auch wieder mit einem Bus. Per Internet und Mails war ein Kontakt zum Civici Cori di Milano hergestellt worden. Schon in der ersten gemeinsamen Probe stellt sich heraus, dass es ein italienischer Spitzenchor ist, der da auf das Wagnis eingegangen war, ein unbekanntes deutsches Liebhaberorchester nach Mailand einzuladen. Das erste von zwei gemeinsamen Konzerten findet in der frühchristlichen Kirche Sant‘Ambrogio statt. Ihre ältesten Teile stammen aus dem 4. Jahrhundert, das heutige überwiegend romanische Aussehen stammt aus dem 11. Jahrhundert. Es regnet schon den ganzen Tag, der Bus steht im Stau, Nervosität breitet sich aus, man muss schon befürchten, nicht rechtzeitig am Aufführungsort zu sein. Aber als dann die ersten Takte des Requiem erklingen, zieht die Brahms’sche Musik die Mitspielenden und die Zuhörer in ihren Bann. 700 Besucher lauschen in der vollbesetzten Kirche der Musik. Der Leiter des Goethe Instituts Mailand, Dr. Niggestich, der uns bei der Organisation unterstützt hatte, gratuliert zur gelungenen deutsch-italienischen Zusammenarbeit: „Es war ein hervorragendes Konzert, Chor und Orchester haben beide eine sehr gute Leistung erbracht.“

Nach dem Konzert stellt sich ein begeisterter Mailänder Bürger vor, selbst ein cellospielender Laie, der die Orchestermusiker aus Göttingen beneidet: er suche seit langem eine Gelegenheit, in einem Laienorchester mitzuspielen – aber so etwas gebe es in Italien kaum, Deutschland sei vorbildlich in der Möglichkeit privater Musikausbildung und -ausübung. Ein zweites Konzert mit dem Brahmsrequiem findet in Lecco am Comer See statt.

Das OGM hat aber nicht nur die Brahmsnoten im Gepäck, sondern auch ein ganzes Sinfoniekonzertprogramm: Beethovens Coriolan-Ouvertüre, sein Violinkonzert und die Pastorale stehen in zwei anderen Konzerten auf den Notenständern. Solistin im Violinkonzert ist die 21jährige Katharina Uhde aus Karlsruhe. Während des Konzerts in Triuggio passiert dann der Schrecken aller Organisatoren: ein Blackout in der Kirche. Die zusätzlich installierten Scheinwerfer überhitzen die elektrischen Sicherungen, sie brennen durch und die Kirche ist völlig dunkel – bis auf einige Notleuchten an den Ausgängen. Es passiert zu Beginn der großen Kadenz im ersten Satz des Violinkonzerts. Aber Nerven haben sie ja, die jungen Solisten! In aller Seelenruhe spielt Katharina Uhde ihre Solokadenz weiter und das Publikum lauscht in der Dunkelheit konzentriert den akrobatischen Doppelgriffen und den melodischen Bögen der Geigerin. Stefan Ottersbach, unser Dirigent hat schon abgewinkt, denn – so gut wir Orchestermitglieder die Partie auch geübt haben – ohne Blick in die Noten hätten wir nicht weiterspielen können. Aber genau beim Schlusstriller, kurz vor dem Orchestereinsatz, hat es der Küster geschafft: die Sicherungen sind gewechselt und das Licht geht wieder an. Neben all diesen musikalischen Aktivitäten haben wir auch Gelegenheit, uns genussvoll etwas bieten zu lassen, seien es die Ausflüge nach Bergamo oder ins Geigenmuseum nach Cremona, die Besichtigung des Abendmahls von Leonardo da Vinci, die kleine Wanderung bei Bellagio am Comer See oder der Opernbesuch mit Tosca in der Mailänder Scala.

Im Herbst 2005 ist unser Nachbarland Frankreich das Reiseziel.

2005 Frankreich1 kleinDie alte Stadt Angers liegt im Loiretal und ist für eine Woche Ausgangspunkt unserer Unternehmungen. Peter Diepold hat Beziehungen zum Rotary-Club von Angers und dieser organisiert für uns ein Benefizkonzert zugunsten eines Brunnenprojektes in Mali, Afrika. Wir treten in der großen Kathedrale von Angers auf. Stefan Ottersbach, unser Dirigent, hat für Katharina Uhde die beiden Beethoven Romanzen ausgesucht, außerdem begleitet uns als Sopransolistin seine Partnerin Sybille Plocher, die mit Beethovens „Szene und Arie: Ah, perfido“ brilliert. Nach der Pause spielt das Orchester die Unvollendete von Franz Schubert. Dieses Konzert führen wir nicht nur in Angers, sondern auch in dem 70 km südlich gelegenen Cholet auf. Außerdem gestalten wir gemeinsam mit dem Kathedralchor und Sybille die Messe am Sonntag: Mozart „Ave verum“ und „Exsultate, jubilate“. Zwischen den Konzerten bleibt reichlich Zeit für Besichtigungen. So bestaunen wir in Angers den berühmten 103 m langen und 4,5 m hohen Wandteppich „Zyklus der Apokalypse“ aus dem 14. Jahrhundert und besuchen das etwas flussaufwärts gelegene Saumur mit seinem märchenhaften Schloss und das Höhlendorf Les Perrières. Unvergessen jedoch ist die umfangreiche Weinprobe im Chateau la Tomaze, etwas südlich von Angers gelegen, bei Vincent und Marie-Jeanne Lecointre, den Rotaryfreunden von Peter Diepold. Cremant de Loire und Rotwein Anjou-Villages entwickeln auf dem Weingut in Frankreich eine besondere Note, schmecken aber nicht nur dort. Wie gut, dass der Bus einen Anhänger mit noch reichlich Platz dabei hat…

Herbst 2008, nun geht es nach Wien.

2008 Wien1 kleinEin österreichischer Chor, die „Vox humana“, lädt uns ein, mit ihnen zusammen das Requiem von Johannes Brahms aufzuführen. Sein Dirigent Wolfgang Ziegler kommt sogar für ein Wochenende nach Göttingen, um mit uns zu proben. Dabei wird auch das „Adagio for strings“ von Samuel Barber einstudiert. Zwei gut besuchte Konzerte in der „Kirche am Hof“ in der Wiener Innenstadt sind die besonderen Erlebnisse dieser Reise. In der Pause zwischen Einspielen und Konzert geht man noch mal schnell zu Demel rüber und trinkt einen „kleinen Braunen“ oder einen „Einspänner“, damit man bei dem außergewöhnlichen Ereignis hellwach ist. Schon die Begrüßung des Orchesters bei der Ankunft in der Höldrichsmühle sprühte von Wiener Herzlichkeit: ein Empfangskomitee des Chores hatte eine große Tafel aufgebaut mit Knabbereien und einem Gläschen „Heurigen“. Der Organisator des Wiener Chores und auch unserer Reise, Werner Britt, gibt sich auch in den folgenden Tagen alle Mühe, uns zu verwöhnen: eine Wanderung im Wiener Wald nach Gumpoldskirchen, ein Ausflug nach Baden bei Wien, zum Stift Klosterneuburg und zum Kloster Heiligenkreuz, der Besuch eines Lokals mit Wiener Tafelspitz-Menü, dazu Museumsbesuche… Auch das Konzertieren kommt nicht zu kurz. Außer den Requiem-Aufführungen führen wir noch ein Sinfoniekonzert im Festsaal in Brunn am Gebirge auf. Johannes Moesus dirigiert uns beim Cellokonzert von Dvorak und bei der Rheinischen Sinfonie von Schumann. Solistin ist Lucile Chaubard, die wir aus Göttingen mitbringen und die auch bei einigen späteren Reisen mit dabei ist.

Eine Besonderheit dieser Reise ist der Name, unter dem wir auftreten. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien hat einen „Goldenen Saal“, ob die Musikfreunde selbst spielen können, weiß man nicht so genau. Aber dort treten natürlich die Wiener Philharmoniker auf! Also heißen wir auf Wunsch des Dirigenten: Philharmonie Göttingen. So ändern wir auf Reisen auch ab und zu mal unseren Namen: in Italien sind wir die „Amici della Musica di Gottinga“, in Frankreich „L’orchestre des amis musiciens de Goettingen“, in Polen „Orkiestra Symfoniczna „Musikfreunde“ z Getyngi“.

Im Herbst 2011 sind wir mit dem Orchester in Paris.

2011 Paris1 kleinAuf Initiative von Lucile Chaubard können wir die Brüder Thomas und Nicolas Delclaud gewinnen, mit uns in unserem Maikonzert 2011 in der Universitätsaula in Göttingen das Tripelkonzert von Beethoven zu spielen. Dies gelingt so gut, dass die Brüder uns zu einem weiteren Konzert nach Paris einladen. Der Konzertsaal in Paris ist der „Temple des Batignolles“, eine Kirche. Zusätzlich zum Beethoven spielen wir von Johannes Brahms die „Variationen über ein Thema von Haydn“ und von Wolfgang Amadeus Mozart die Sinfonie KV 318 in G-Dur. Auch eine Uraufführung steht auf dem Programm: F. Poullot, Suite Cistercienne. Er ist nach dem Konzert noch da und unterhält sich mit Orchestermitgliedern, als uns die Nachricht ereilt, dass während des Konzerts die Konzertkasse gestohlen wurde! Sie war im nicht einsehbaren Eingangsbereich leichtfertig in einen Schrank gelegt worden. Der Komponist spendet großzügig 1000 € und auch bei der Sammlung im Orchester kommt einiges zusammen, so dass die notwendigen Ausgaben finanziert sind.

Auch im Herbst 2013 führt uns die Reise nach Frankreich,

2013 Frankreich1 kleinallerdings weit in den Süden, in die Region Midi-Pyrénées nach Cahors. In Cahors und einen Tag später in Montauban konzertieren wir mit den vereinigten Chören: La Chorale de Cahors und La Schola des Moustier, beide geleitet von Nathalie Accault. Sie sind gut vorbereitet auf ein bedeutendes Werk der französischen Kirchenmusik, das in Deutschland weitgehend unbekannte Oratorium „Les derniéres Sept Paroles Du Christ“ (Die sieben letzten Worte Christi) von Théodore Dubois. Johannes Moesus dirigiert. Im ersten Teil des Konzertes spielt das Orchester die Ouvertüre zu „Anacreon“ von Cherubini und das Doppelkonzert für Violine und Violoncello von Brahms, Giulia Buccarella und Lucile Chaubard sind die Solisten. In beiden Städten gibt es uns zu Ehren einen Empfang, das OGM hat als Gastgeschenke Gänseliesel-Krawatten dabei. In Cahors wird sie vom Bürgermeister bewundert und dankend entgegengenommen, in Montauban löst das Gastgeschenk bei der Bürgermeisterin ein fröhliches Lachen aus. Unsere Reiseleiterin ist die Frau des 1. Vorsitzenden unseres Orchesters, Charlotte Gibhardt. Sie vertritt uns routiniert im französisch sprechenden Umfeld und führt uns durch ein interessantes touristisches Beiprogramm: wir besichtigen die „Grotte du Pech Merle“, den Wallfahrtsort Rocamadour mit seinen in die Felsen gebauten Kirchen und Häusern und ein Weingut in der Nähe von Cahors. Dort wird vor allem die Rebsorte Malbec angebaut, die im 19. Jahrhundert von der Reblaus vernichtet wurde, seit einigen Jahren aber mit widerstandsfähigeren Reben rekultiviert wurde – uns hat sie gut geschmeckt.

2015 – nach eineinhalb Jahren Vorbereitung ist es so weit: das Orchester fliegt nach Sankt Petersburg.

2015 Petersburg1 kleinEin Kontrabassist hat einen Traum: einmal mit dem Orchester in Sankt Petersburg auftreten! Udo Stampa. Er sucht nicht nur übers Internet einen Chor, er hat die Ideen zum Konzertprogramm und er gestaltet auch die Plakate und das Programmheft – seine Russischkenntnisse sind dafür notwendige Voraussetzungen.

Es kostet viele Vorbereitungssitzungen und es gibt dabei viel zu besprechen: das Reisevisum muss in einem bestimmten Zeitrahmen beantragt werden, der Reisepass darf nicht zu alt sein, braucht man Impfungen? – da gehen die Meinungen weit auseinander – aber vor allem: die Instrumentenpässe. Ein Instrument nach Russland mitzunehmen ist kein Problem, aber ob man es wieder mit herausnehmen darf? Da werden Instrumentenpässe entworfen, mit Farbfoto und einer detaillierten Beschreibung, ein Zollformular (in Englisch) wird versuchsweise schon mal zu Hause ausgefüllt, das gültige Exemplar (in Russisch) darf dann allerdings erst beim Zoll bei der Einreise ausgefüllt werden. Die Zollabfertigung nimmt für so viele Instrumente reichlich Zeit in Anspruch. Es muss oft gestempelt werden! Und dann bei der Rückreise noch die Zeitumstellung von Sommerzeit auf Winterzeit, die dazu führt, dass einzelne Mitreisende nicht morgens um halb sechs, sondern erst um halb sieben in der Hotelhalle sind… Am Ende hat jedoch alles geklappt – alle Personen, alle Instrumente landen wieder in Hamburg.

Musikalisch hat uns Johannes Moesus gut vorbereitet: die Sinfonie Nr. 1 von Alexander Skrjabin, im Jahr 1900 vollendet, ist ein anspruchsvolles Werk: es hat sechs Sätze und ist für großes Orchester mit einem umfangreichen Bläsersatz und mit Harfe komponiert. Im sechsten Satz treten dann noch zwei Gesangssolisten und ein Chor auf – aber das letzte ist ja auch der Grund, warum wir es für die Reise nach Sankt Petersburg einstudiert haben. Auf der Suche nach einem Chor in Sankt Petersburg gab es einen erfolgreichen Kontakt zu Jana Wolkonskaja: der Chor der Leningrader Staatlichen Universität und der Chor des St. Petersburger Staatlichen Technologischen Instituts mit insgesamt mehr als 100 Sängern und Sängerinnen stehen auf der Bühne und machen die Skrjabins „Hymne an die Kunst“ zu einem großartigen musikalischen Ereignis. Dazu kommen noch ein Werk für Chor und Orchester von Pjotr Iljitsch Tschaikowski und das Hornkonzert Nr. 1 von Richard Strauss (Solist: Jakob Glatzel). Zwei Konzerte geben wir mit diesem Programm: einmal in der Evangelischen-lutherischen Sankt Petrikirche, direkt am Newski-Prospekt gelegen (bekannt ist diese Kirche, weil sie in der Zeit der Sowjetunion als Schwimmbad umgebaut war) und das zweite Konzert dann im Weißen Saal in LenDok, einem Kinosaal.

Beim umfangreichen Besichtigungsprogramm dominieren die goldenen Farben: Winterpalais, Katharinenpalais und Peterhof, die Zarenpaläste, blenden uns mit ihrem Reichtum die Augen. Auch in den großen Kathedralen (Auferstehungskathedrale, Nikolauskathedrale, Isaak-Kathedrale) überwiegt das Gold – und in den ersten zwei Tagen leuchten auch die herbstlichen Büsche und Bäume goldgelb und rotbraun. Dann aber bekommen das Petersburger Nebelgrau und sein Regen die Überhand – da bleibt uns nur übrig, die Farben im gemeinsamen Gestalten der Musik zu finden und zu hören – so wie Skrjabin es sich erdacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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